Umbruch in Kirche und Gesellschaft – Reichsstädte zur Zeit der Reformation

Dr. Johannes Schnurr am 10. März 2009 (Heidelberger Akademie der Wissenschaften)

Die Edition der „Evangelischen Kirchenordnungen des 16. Jahrhunderts“ wird mit einem Band zu zehn südwestdeutschen Reichsstädten fortgesetzt

Die Reformation erfuhr insbesondere durch die Reichsstädte weitreichende Impulse. Die urbanen Gemeinwesen bildeten überregionale Handelsplätze, an denen nicht nur Waren, sondern auch Nachrichten und neue Ideen ausgetauscht wurden. Gegenüber dem Land war die Lesefähigkeit in den Städten größer, hier verbreitete sich der Humanismus mit seiner bildungsbeflissenen Frömmigkeit, hier entstanden früh reformatorische Bewegungen, die auf die umliegenden Territorien ausstrahlten. Die deutsche Reformation wird daher vielfach als „urban event“ (A.G. Dickens) charakterisiert.

Am Donnerstag, dem 12. März 2009, präsentiert die Heidelberger Akademie der Wissenschaften gemeinsam mit der Stadt Ulm den Band 17/2 der „Evangelischen Kirchenordnungen des 16. Jahrhundert“. Die öffentliche Vorstellung findet um 18 Uhr im Gewölbesaal des Schwörhauses in Ulm statt. Es begrüßt Bürgermeisterin Sabine Mayer-Dölle, Grußworte sprechen Prof. Dr. Peter Graf Kielmansegg (Präsident der Heidelberger Akademie der Wissenschaften) sowie Prälatin Gabriele Wulz (Evangelische Landeskirche in Württemberg). Den Einführungsvortrag hält die Bearbeiterin des Bandes, Dr. Sabine Arend. „Ulm bietet sich vor allem deshalb zur öffentlichen Vorstellung an, weil die Ulmer Kirchenordnungen den umfangreichsten Teil des Bandes ausmachen und weil die Reichsstadt weitreichenden Einfluss auf die Reformation anderer südwestdeutscher Reichsstädte besaß“, erklärt Dr. Sabine Arend.

Als eine der bedeutendsten südwestdeutschen Reichsstädte führte Ulm als Folge einer Abstimmung unter der Bürgerschaft 1531 die Reformation ein. Dem Beispiel der oberschwäbischen Metropole folgten zahlreiche weitere Reichsstädte. Der neue Band der renommierten Sehling’schen Edition umfasst Kirchenordnungen von insgesamt 10 südwestdeutschen Reichsstädten. Neben Ulm, Esslingen, Biberach und Ravensburg waren dies Reutlingen, Giengen, Wimpfen, Leutkirch, Bopfingen und Aalen.
Nachdem 2007 bereits ein Band mit Kirchenordnungen der Reichsstädte Schwäbisch Hall, Heilbronn, Konstanz, Isny und Gengenbach erschienen ist, wird die Sehling’sche Edition zu den Reichsstädten auf dem Gebiet des heutigen Bundeslandes Baden-Württemberg mit dem neu erschienenen Band komplettiert.

Den evangelischen Kirchenordnungen kommt eine besondere Bedeutung zu: Die Reformation war kein rein kirchliches Ereignis. In der frühen Neuzeit waren Kirche und Gesellschaft eng miteinander verflochten und so hatte die grundsätzliche Neubestimmung der kirchlichen Lehre weitreichende Auswirkungen auf das alltägliche Leben. Die evangelische Theologie hatte politische und gesellschaftliche Folgen.
Die Edition bietet somit reichhaltiges Quellenmaterial nicht nur zur Gestalt von Gottesdiensten, Zeremonien von Taufen, Eheeinsegnungen und Begräbnissen, sondern auch zur Armenfürsorge, Schule und zum Eherecht. Die Kirchenordnungen des vorliegenden Bandes vermitteln uns damit einen lebendigen Einblick in das kirchliche, aber auch in das gesellschaftliche Leben der Bewohner südwestdeutscher Reichsstädte im Reformationsjahrhundert.

„Der neue Band der Sehling’schen Edition ist wegen der Bedeutung der Reichsstädte für die Reformation von besonderem Interesse. Er füllt eine seit langem bestehende Lücke“, so Dr. Sabine Arend, die Bearbeiterin des Bandes, von der Forschungsstelle „Evangelische Kirchenordnungen des 16. Jahrhunderts“ der Heidelberger Akademie der Wissenschaften. „Richtungweisend ist die Edition von reformationszeitlichen Quellen auch im Hinblick auf das 2017 anstehende 500-jährige Reformationsjubiläum, da aktuelle Quelleneditionen neue Impulse für die Erforschung der frühneuzeitlichen Gesellschaft ermöglichen.“

Konfessionsbildern

Konfessionsbildern

Die durch die Kirchenordnungen gesetzte Lebenswirklichkeit der Kirchen tritt besonders plastisch in den sogenannten Konfessionsbildern, wie demjenigen aus Kasendorf von 1602, hervor. Sie zeigen idealtypisch das Leben der evangelischen Kirche: Die Feier der Sakramente Abendmahl und Taufe sowie die übrigen gottesdienstlichen und gemeindlichen Handlungen: Beichte, Hochzeit, Unterricht, Predigt, Kirchenmusik und das Almosen. (Quelle: Anton H. Konrad Verlag)

Die Heidelberger Akademie der Wissenschaften, gegründet 1909, ist die Landesakademie Baden-Württembergs und eine der acht deutschen Akademien der Wissenschaften, 2009 feiert sie ihr 100-jähriges Jubiläum. Als außeruniversitäre Forschungseinrichtung verantwortet sie derzeit 20 Forschungsvorhaben, in denen etwa 220 Mitarbeiter beschäftigt sind. Die rund 180 gewählten Mitglieder der Heidelberger Akademie treffen sich als herausragende Vertreter ihrer Disziplin regelmäßig zum fächerübergreifenden Gespräch, die Akademie veranstaltet wissenschaftliche Tagungen sowie öffentliche Vortragsreihen. Mit der 2002 erfolgten Einrichtung eines Nachwuchskollegs (WIN-Kolleg), der Ausrichtung der „Akademiekonferenzen für junge Wissenschaftler“ sowie durch die Vergabe von Forschungspreisen fördert sie herausragende jüngere Exponenten der Wissenschaft.

Datum: 12. März 2009, 18 Uhr
Ort: Gewölbesaal des Schwörhauses, Weinhof 12, Ulm
Die Veranstaltung ist öffentlich

Die Evangelischen Kirchenordnungen des XVI. Jahrhunderts. Siebzehnter Band: Baden-Württemberg IV. Südwestdeutsche Reichsstädte 2. Teilband: Reutlingen, Ulm, Esslingen, Giengen, Biberach, Ravensburg, Wimpfen, Leutkirch, Bopfingen, Aalen. Bearbeitet von Sabine Arend. Verlag Mohr Siebeck, 2009. ISBN 978-3-16-149863-3. Leinen, 592 Seiten, 199 Euro.

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